Im Gespräch mit KARO e.V. 

Mein Plauen – im Gespräch mit Plauener Vereinen

KARO e.V. – Mut. Selbstbestimmung. Leben.

Der Mensch ist keine Ware!

Ein Thema, was mich seit 21 Jahren beruflich immer wieder begleitet, ist häusliche Gewalt an Kindern - oft nicht greifbar und unentdeckt. Seit dem Zeitpunkt, als ich vor über 21 Jahren in Waldenburg meine Erzieher-Ausbildung absolvierte, geht mir eine Statistik nicht mehr aus dem Kopf: Jedes 10. Kind erfährt Missbrauch in seiner Familie.

Nun bin ich schon so lange in diesem Beruf und muss mir eingestehen, dass ich sicherlich Warnhinweise übersehen habe ... Umso wichtiger war mir also das Gespräch mit Frau Cathrin Schauer-Kelpin vom KARO-Verein. Ich wusste von Anfang an, dass es kein leichtes Gespräch wird und ich sicherlich Dinge höre, die ich so nie vermutet hätte, dass es aber am Ende so drastisch und teilweise erschütternd wurde, hätte ich nicht erwartet.

Ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich bei Frau Schauer-Kelpin für dieses offene und schonungslose Gespräch bedanken und hoffe ganz sehr, dass mit diesem Interview Türen und Augen in Plauen geöffnet werden. Das Gespräch ging telefonisch über zwei Tage und immer wieder stellte ich mir die Frage, warum dieses Thema in Plauen nicht öffentlich diskutiert und auch benannt wird. Es ist so wichtig, dass wir alle wissen, was um uns herum passiert und dass wir aufmerksam sein müssen.

... aber nun zum Gespräch:

Frau Schauer-Kelpin hat in ihrer langen Vereinsarbeit immer wieder festgestellt, dass bei häuslicher Gewalt gegen Frauen fast immer auch sexuelle Gewalt eine Rolle spielt. Dabei erleben auch häufig die Kinder sexuelle Übergriffe und daran kann man sehen, wie hoch eigentlich die Dunkelziffer sein muss ... Die Zahl der Übergriffe steigt weltweit immer mehr an, was bedeutet, dass dies auch in unserer Region ein Problem darstellt.

Kinder, die Gewalt erfahren, senden immer wieder Signale. Diese werden aber oft nicht erkannt. Hier bedarf es unbedingt einer Prävention und Netzwerkarbeit, um Personen besser zu schulen, die täglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Gerade in unserer Region ist die Aufarbeitung von sexueller Gewalt und Kindesmissbrauch noch ganz am Anfang, in den alten Bundesländern ist man zum Teil schon weiter vorangekommen. Große Probleme bereitet es, dass dieses Thema eben nicht an Schulen besprochen und behandelt wird. Es sollte eigentlich ein Pflichtthema in jeder Schule werden.

KARO hat das NOTHALT Projekt ins Leben gerufen, und bietet Veranstaltungen an Schulen an, wo Kinder Wege aufgezeigt bekommen, wie und wo sie sich Hilfe suchen können. Kinder müssen wissen, dass sie sich ganz allein und ohne Erwachsenen an den KARO-Verein wenden können auch hat der Verein spezielles Präventionsmaterial für Kinder entwickelt. Schulleiter*innen können jederzeit auf den Verein zu kommen.

Es gibt aber nicht nur sexuelle Gewalt innerhalb der Familie. Auch die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern spielt eine wichtige Rolle. Es gibt in diesem Bereich immer wieder Hinweise und auch hier wird der Verein tätig. Durch die Vereinsarbeit konnten Kinder Hilfe erhalten und sie auch in Therapien vermittelt werden.

Auch in unserer Region gibt es immer wieder nachweisbare Verdachtsmomente zu kommerzieller sexueller Ausbeutung von Kindern. Hier wird ersichtlich, dass es teilweise kriminelle Netzwerke gibt, die auch überregional agieren. Diese Informationen werden auch immer wieder weitergeleitet und bei entsprechenden Stellen gemeldet. Zwangslagen von Familien werden dabei hemmungslos ausgenutzt, um Kinder zu missbrauchen, sie für kinderpornografisches Material zu filmen oder/und sie kommerziell anzubieten.

Weiterhin gibt es noch den „manipulierte Missbrauch“ von Kindern durch Erwachsene - mit Geschenken, Kinobesuchen, Ausflügen etc. - scheinbar bekommen sie Aufmerksamkeit und Anerkennung und dann kommt es nicht selten zum Missbrauch. Gerade an diese Kinder heranzukommen, ist sehr schwierig, da sie oft die Täter als ihre Freunde bezeichnen, von denen sie Anerkennung bekommen, die vermeintlich immer lieb zu ihnen sind. Hierbei wird ein Abhängigkeitsverhältnis erzeugt, aus dem die Kinder nur schwer wieder herausfinden bzw. herausgelöst werden können- speziell dann, wenn sie aus sozial schwierigen Familienstrukturen stammen.

Vielen Kindern ist nicht einmal bewusst, dass dieses Handeln von Erwachsenen verboten ist und dass es dafür Strafen gibt. Sie äußern oft, dass es zwar nicht schön ist, aber man sich dran gewöhnt, weil man ja sonst immer ganz lieb behandelt wurde. Die Täter nutzen immer mehr auch die sozialen Medien, um mit den Kindern in Kontakt zu kommen, dazu gehören Chatprogramme wie Knuddel oder TikTok, Instagram, Snapchat etc. Häufig bekommen das die Eltern nicht mit, was da alles passiert. Dadurch sind aber Kinder immer weiter den Gefahren ausgesetzt.

Aber auch die häusliche Vernachlässigung von Kindern und Gewalt gegen sie ist/bleibt ein wichtiges Thema und muss offen diskutiert werden. Diese Kinder sind schutzlos ausgeliefert und haben dennoch eine starke Bindung zu ihren Eltern. Dazu muss man wissen, dass auch Gewalt eine Form von Zuwendung ist. Leider haben wir auch erleben müssen, dass es Kinder gibt, die nur Gewalt erfahren. Und auch hier entstehen oft Abhängigkeiten zwischen den Eltern und es bedarf eines langen Weges, bis sich z. B. eine Mutter traut, das häusliche Umfeld mit dem Kind zu verlassen, um Hilfe in einer Schutzeinrichtung zu suchen/finden.

Auch hier zeigt sich wieder, dass es wichtig ist, über Hilfsangebote offen zu sprechen und auch Kindern den Zugang zur Hilfe zu erleichtern. Oft wissen sie gar nicht, dass es Unterstützungsmöglichkeiten gibt. Diese Informationsarbeit muss ein fester Bestandteil in der Schulbildung sein. Die Kinder und Jugendlichen müssen darüber informiert werden, dass es das bundesweite Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen und Kinder gibt. Auch müssen PädagogInnen und andere Professionen, die mit Kindern arbeiten, immer wieder für dieses Themen sensibilisiert werden.

Auch dazu bietet KARO verschiedene Projekt an und arbeitet mit ExpertInnen aus Deutschland, Europa sowie weltweit zusammen. Cathrin Schauer-Kelpin ist seit Jahren im Vorstand von ECPAT Deutschland e.V., einer Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kindern vor sexuelle Ausbeutung. Der Hauptsitz von ECPAT ist in Bangkok.

Es zeigt sich aber auch, dass es eine große Hemmschwelle bei der Anzeige von Verdachtsfällen gibt. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß, dabei könnte man aber hier Kinder, Frauen und Männer vor weiterer Gewalt schützen. Es ist wichtig, dass es bei einem Verdacht immer AnsprechpartnerInnen für Kinder allein und ihre Bezugspersonen gibt. Eine Zusammenarbeit mit Landesregierung und der Kommune gestaltet sich generell schwierig.

KARO legt den Finger in Wunden, weist auf Missstände hin und spricht diese offen aus. Gewalt und sexuelle Ausbeutung muss für eine Gesellschaft einfach unerträglich sein. Statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen und Wege zu ebnen, werden Steine auf diese gelegt. Ein Beispiel dafür ist der kritische Umgang mit der Babyklappe. Dabei hat diese schon 11 Menschenleben gerettet. Wer weiß, was mit den Kindern ohne diese Möglichkeit passiert wäre. Es werden Leben gerettet und die Ausstattung der Babyklappe ist hervorragend.

Immer wieder zeigt sich das Kernproblem: Soziale Arbeit, Kinder-, Jugend- und Präventionsarbeit haben noch lange nicht die Wertschätzung und den Stellenwert, derer sie bedürfen. Oft sind hier zu wenig Stellen vorhanden und werden Vereine und Projekte nur unzureichend finanziell unterstützt. Oder es werden sogar noch Einsparungen festgeschrieben. Dabei wird kaum bedacht, dass jede Sparmaßnahme in diesem Bereich Langzeitfolgen und -kosten mit sich bringt.

Der Wunsch ist, dass sich die Stadt Plauen aktiver für diese Bereiche einsetzt und dass man auch das Thema Zwangsprostitution und sexuelle Ausbeutung von Kindern ernstnimmt. Auch Netzwerkarbeit zwischen all den beteiligten Professionen ist wichtig, um durch Erfahrungsaustausch effektiver arbeiten zu können, um zum Beispiel Zwangsprostitution entgegenzuwirken und den Schutz für Kinder zu verbessern.

Bereits mehrfach wurde die Arbeit von KARO honoriert und ausgezeichnet.

2002 wurden Cathrin Schauer und Ludmilla Irmscher für ihre Arbeit mit dem Preis "Frauen Europas - Deutschland" des Netzwerks "Europäische Bewegung" ausgezeichnet
2002 erhielt Cathrin Schauer den Preis „Deutsche Europarede des Jahres 2002“ anlässlich des Federal Council der Internationalen Europäischen Bewegung in Bilbao, für ihre zur Preisverleihung „Frauen Europas Deutschland 2002“ gehaltene Rede
2005 und 2006 war Cathrin Schauer für den Friedensnobelpreis im Rahmen des Projektes „1000 Frauen für den Friedensnobelpreis“ nominiert
2008 wurde sie zur „Vogtländerin des Jahres 2008“ gewählt
2011 zeichnete man Cathrin Schauer in der Würdigung ihrer bisher geleisteten Arbeit mit der "Ehrenmitgliedschaft des Frauennetzwerkes für Frieden e.V." aus
2012 wurde sie von der Stadt Torgau zur "Katharina - Botschafterin 2012" ernannt
2013 wurde sie für den "Deutschen Engagement Preis" nominiert
Im September 2016 wurde KARO e.V. mit dem taz Panterpreis ausgezeichnet
2018 wurde Cathrin Schauer-Kelpin im Rahmen der startsocial-Kampagne MitMenschen 2018 porträtiert
2018 wurde sie vom Landesfrauenrat Sachsen e.V. für den Engagementpreis 2018 nominiert
2018 wurde ihr der SchlussStrich e.V.-Preis für den effektiven Kampf gegen den Missbrauch von Kindern durch den Zwang zur Prostitution verliehen
2020 gewinnt KARO e.V. den Schwarzkopf Million Chances Award für Female Empowerment in der Kategorie Start Up

Ich bedanke mich bei Cathrin Schauer-Kelpin für dieses Gespräch und möchte hiermit auch meine Wertschätzung für Ihre Arbeit aussprechen.

Herzlichen Dank, dass es Sie gibt.

Fotos: Copyright karoev